Bin ich immer gleich? Ein Blick auf unsere alltägliche Persönlichkeit

Persönlichkeitseigenschaften – also wie wir normalerweise denken, fühlen und handeln – gelten als ziemlich stabil. Aber sind wir im Alltag tatsächlich immer gleich? Oder verändern wir uns, je nachdem, in welcher Situation wir uns befinden?
Im Rahmen der PINIE-Studie wollten wir genau das herausfinden. Über mehrere Tage hinweg haben über 1’700 Personen mehrmals täglich berichtet, wie sie sich gerade fühlen und verhalten – also, wie ihre momentane Persönlichkeit („Persönlichkeitszustände“) aussieht. Zusätzlich gaben sie an, wie sie sich im Allgemeinen einschätzen, also wie ihre Persönlichkeit normalerweise ist.
Was haben wir herausgefunden? Die Ergebnisse zeigen: Unsere Persönlichkeit ist flexibler, als man denkt. Zum Beispiel waren Menschen in bestimmten Momenten besonders extravertiert, offen oder gewissenhaft – in anderen Situationen dagegen weniger. Besonders spannend: Menschen, die sich selbst als eher emotional instabil einschätzen, zeigten im Alltag stärkere Schwankungen in ihrem Verhalten und Erleben. Gleichzeitig waren auch extravertierte und offene Menschen im Alltag variabler – sie zeigten eine grössere Bandbreite an Gedanken, Gefühlen und Verhalten.
Das bedeutet: Wer im Alltag unterschiedlich „tickt“, ist nicht unbedingt widersprüchlich – sondern vielleicht besonders anpassungsfähig. Diese Flexibilität könnte sogar hilfreich sein, um mit wechselnden Herausforderungen im Leben gut umgehen zu können.
Link zur vollständigen Studie: https://doi.org/10.31234/osf.io/xydmt_v2
Unterschiede zwischen Mann und Frau – oder doch eher Unterschiede in der Wahrnehmung?

Wenn wir nachdenken, wie wir „so sind“ – als Frau oder Mann – greifen wir oft zu vertrauten Zuschreibungen: Frauen gelten als empathisch und ordentlich, Männer als gelassen und durchsetzungsfähig. Doch stimmen diese Unterschiede wirklich – oder trügt uns da womöglich die Erinnerung?
In unserer aktuellen Studie wollten wir dieser Sache auf den Grund gehen. Mehr als 2’000 Menschen berichteten über mehrere Tage hinweg immer wieder, wie sie sich gerade verhalten und gefühlt haben – also, wie ihre momentane Persönlichkeit („Zustände“) aussah. Zusätzlich schätzten sie auch ein, wie sie „im Allgemeinen“ sind – also ihre allgemeine Persönlichkeit („Eigenschaften“).
Was haben wir herausgefunden? Frauen und Männer unterschieden sich bei der Einschätzung ihrer allgemeinen Persönlichkeit – zum Beispiel sahen sich Frauen als gewissenhafter und einfühlsamer, Männer dagegen als emotional stabiler. Schauten wir aber auf die momentane Persönlichkeit (d.h. die tatsächlichen Alltagserlebnisse), zeigten sich diese Unterschiede kaum noch – die momentanen Zustände unterschieden sich viel weniger zwischen den Geschlechtern.
Das bedeutet: Wenn Frauen und Männer sich unterschiedlich einschätzen, spiegelt das womöglich mehr gesellschaftliche Rollenbilder wider als tatsächliche Unterschiede im Verhalten. Die allgemeine Selbsteinschätzung scheint eher ein Blick in den Spiegel unserer eigenen Vorstellungen und Normen zu sein – nicht zwingend ein Abbild unseres Alltags.
Link zur vollständigen Studie: https://osf.io/preprints/psyarxiv/a573g_v1
Sehen wir dieselbe Situation gleich? Wie unsere Persönlichkeit auf den Alltag trifft

Wir verhalten uns von Situation zu Situation unterschiedlich – mal gesellig, mal zurückhaltend, mal entspannt, mal angespannt. Aber woran liegt das eigentlich: Begegnen wir einfach unterschiedlichen Situationen? Oder deuten wir ein und dieselbe Situation ganz unterschiedlich?
Um das zu klären, haben wir zwei Studien durchgeführt. In der ersten nahmen 189 Personen an sechs wöchentlichen Gruppengesprächen teil – alle erlebten dabei weitgehend dieselben Situationen, sodass Unterschiede in der Wahrnehmung vor allem auf unterschiedliche Interpretation zurückgeführt werden konnten. In der zweiten, alltagsnäheren Studie (PINIE-Studie) berichteten fast 1’600 Personen mehrmals täglich über mehrere Tage hinweg, wie sie sich gerade verhielten und fühlten – und zusätzlich, mit wem sie gerade zusammen waren, wo sie sich befanden und was sie gerade taten.
Was haben wir herausgefunden? In beiden Studien hing die Art, wie jemand eine Situation wahrnahm (zum Beispiel als sozial, positiv oder bedrohlich), eng mit der momentanen Persönlichkeit zusammen – wer eine Situation als gesellig erlebte, verhielt sich in diesem Moment auch extravertierter. Das galt selbst dann, wenn alle in etwa dieselbe Situation erlebten: Die persönliche Deutung machte also den entscheidenden Unterschied. Im Alltag zeigte sich zusätzlich, dass dieser Zusammenhang je nach konkreter Situation variierte – zum Beispiel danach, ob jemand allein war oder mit anderen zusammen.
Das bedeutet: Unsere momentane Persönlichkeit hängt nicht nur davon ab, in welchen Situationen wir uns befinden, sondern vor allem davon, wie wir diese Situationen für uns persönlich deuten. Zwei Menschen können buchstäblich dasselbe erleben und sich trotzdem ganz unterschiedlich fühlen und verhalten – weil sie die Situation unterschiedlich sehen.
Link zur vollständigen Studie: https://doi.org/10.1177/08902070261449352
Von Trennungen und Neuanfängen: Wie Beziehungsübergänge unser Bindungserleben verändern

Ob wir uns in Beziehungen eher ängstlich-anhänglich oder eher distanziert-unabhängig verhalten, hängt mit unserem Bindungsstil zusammen. Lange galt dieser als recht stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Doch was passiert eigentlich, wenn wir eine neue Beziehung eingehen oder uns trennen – verändert sich unser Bindungserleben dadurch?
Dieser Frage sind wir in einer Langzeitstudie über 2,5 Jahre mit sieben Messzeitpunkten nachgegangen. Über 1’700 Personen zwischen 18 und 40 Jahren berichteten wiederholt, wie ängstlich oder wie vermeidend sie sich in Beziehungen erleben – unabhängig davon, ob sie zu Beginn der Studie Single waren oder in einer Partnerschaft.
Was haben wir herausgefunden? Menschen, die generell eher vermeidend gebunden sind, gingen seltener neue Beziehungen ein – und wurden schon im Vorfeld einer neuen Partnerschaft etwas weniger vermeidend. Traten die eigentlichen Übergänge dann ein, zeigten sich klare Veränderungen: Nach Beginn einer neuen Beziehung nahm die Bindungsangst ab, nach einer Trennung stieg sie dagegen an. Bindungsvermeidung sank direkt nach einer Trennung zunächst kurzzeitig, um danach allmählich wieder anzusteigen. Wie genau jemand das Ereignis persönlich bewertete – etwa als besonders positiv, überraschend oder einschneidend – spielte dabei überraschenderweise nur eine begrenzte Rolle.
Das bedeutet: Unser Bindungserleben ist flexibler, als oft angenommen – neue Beziehungen und Trennungen wirken sich tatsächlich darauf aus, wie sicher oder unsicher wir uns in engen Beziehungen fühlen. Offenbar passen wir uns relativ rasch an neue Beziehungsrollen an, unabhängig davon, wie wir das jeweilige Ereignis im Detail bewerten.
Link zur vollständigen Studie: https://doi.org/10.31234/osf.io/zk5xf_v2
